6. Juli 2015

Der Gottesdienst zum Todestag des böhmischen Reformators Jan Hus vor 600 Jahren in Konstanz stand im Zeichen der Versöhnung. Ein besonderer Ausdruck waren dafür die Gäste aus Tschechien. „Erstmals können wir hier in Konstanz gemeinsam des tragischen Todes des Priesters Jan Hus gedenken – was weder vor 50 noch vor 100 Jahren möglich war“ betonte der Münsterpfarrer und Dekan Trennert-Hellwig.

Jan Hus 600. Todestag
Gedenkgottesdienst im Münster ULF

Jan Hus 600. Todestag
Gedenkgottesdienst im Münster ULF

In kurzen Predigtimpulsen formulierten Pfarrer aus fünf verschiedenen Kirchen die Bedeutung von Jan Hus und sein Vermächtnis für uns heute. František Radkovský, der katholische Bischof von Pilsen, erinnerte daran, dass einige Päpste, zuletzt Franziskus Jan Hus als Reformator der Kirche geschätzt hätten. Heute wäre er vermutlich ein eifriger Priester, stünde jedoch kaum im Widerspruch zu seiner Kirche. Prälatin Dagmar Zobel stellte die Frage, wem der streitbare Theologe denn nun gehöre. Sein Glaube „hat Jan Hus geprägt, und so ist sein tragischer Tod eben nicht nur ein individuelles Schicksal und historisches Ereignis, sondern fordert uns heute heraus, an seinen Fragen und Erkenntnissen unseren Auftrag als christliche Kirchen in Europa neu zu bedenken, miteinander nach Antworten zu suchen“, so die die Vertreterin der Evangelischen Landeskirche in Baden. Er selbst hätte vermutlich die eingangs gestellte Frage so beantwortet, dass er „mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre“ (Hus-Zitat).

Dekanin Martina Šeráková von der Evangelischen Kirche der Brüder in Tschechien setzte in der Gegenwart an: „Wie oft stehen wir vor einer Entscheidung? Wie aktuell ist heute die Frage der Barmherzigkeit, zum Beispiel gegenüber Fremden?“ Hussens Haltung der Suche nach der Wahrheit wünsche sie sich für die postkommunistische Gesellschaft ihres Heimatlandes. Der Herrenhuter Bischof Theodor Clemens aus Bad Boll äußerte seine Freude über das gemeinsame Gedenken an Jan Hus von evangelischen und katholischen Christen. Jan Hus fordere ihn heraus, die Bibel als Leitwort für sein Leben zu nehmen. Für den hussitischen Bischof in Pilsen Filip Štojdl ist Jan Hus vor allem Priester und Diener seiner Kirche und Diener Jesu Christi, der seine Kraft aus dem Evangelium, das die Wahrheit sei, und aus der Verehrung für die Jungfrau Maria geschöpft habe.
Bewegend war die Schweigeminute, die nur vom Klang einer Münsterglocke unterlegt war. Ebenso bewegend war die Aufforderung zum Friedensgruß von Bischof František Radkovský, der in Tschechien bekannt ist als aktiver Protagonist bei der Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen und gute ökumenische Kontakte pflegt. Auch die festliche Musik mit Chor, Solisten und Instrumentalisten trug zur Atmosphäre des Gottesdienstes bei. Neben dem Gemeindelied „Sonne der Gerechtigkeit“ der böhmischen Brüder erklang u.a. Mendelssohns „Hör mein Bitten, Herr neige dich zu mir“ mit Chor und Solisten unter der Leitung von Steffen Schreyer. Zum Schluss erfüllte der Gesang „Wie ein Fest nach langer Trauer“ das Münster als Zeichen der Versöhnung.

Minne Bley